Elisabeth Menslage  Heilpraktikerin für Psychotherapie
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Transformation

"Vom Trauma befreien"

Erstarrte Energie wieder ins Fließen bringen

Der Forscher Peter A. Levine beschäftigt sich schon seit etwa 35 Jahren auf sehr vielfältige Weise mit den Themen Stress und Trauma. Seine Untersuchungen reichen vom Beobachten von Urvölkern zu Stressreduktionsübungen für Astronauten der NASA.

Zur Lebenslust zurück

Levine geht davon aus, dass jeder Mensch die angeborene Fähigkeit besitzt, sich aus einem Trauma zu lösen und zur Lebenslust zurückzufinden. In "„Vom Trauma befreien"“ informiert er zunächst über verschiedene Fakten, die man über Traumatisierung wissen sollte. Er bittet den Leser, bei der Aufzählung subtiler Ursachen eines Traumas bei sich selbst auf körperliche und emotionale Anzeichen zu achten, da eine Traumatisierung nicht immer als solche wahrgenommen wird

Als Schlüsselerlebnis für seine Arbeit beschreibt Levine die Sichtung eines National Geographic-Videos, auf dem zu sehen ist, wie Wildtier-Biologen einen verängstigen Eisbären jagen, um ihn zu betäuben und zu kennzeichnen. Als sich das Tier schließlich aus seiner Schockstarre löst, sieht man, wie sich seine Gliedmaßen krampfartig schütteln. Anschließend nimmt der Bär mehrere tiefe Atemzüge. Beim langsamen Sichten des Films stellte Levine fest, dass es sich beim Zittern des Eisbären tatsächlich um schnelle Laufbewegungen handelt. So kommt er zu dem Schluss, dass es sich bei der Heilung eines Traumas um einen Prozess handelt, sich wieder mit dem Körper zu verbinden. Im Gegensatz zu vielen Tieren, die den oben beschriebenen Ablauf durchlaufen, scheint es für den Menschen aber schwerer, erstarrte Energie wieder ins Fließen zu bringen.

In nahezu jeder spirituellen Überlieferung wird Leiden als ein Tor zum Erwachen angesehen. In der westlichen Tradition lässt sich diese Verbindung in der biblischen Geschichte von Hiob und ebenso in der dunklen Nacht der Seele in der mittelalterlichen Mystik erkennen. Die transformierende Kraft des Leidens fi ndet ihren vielleicht klarsten Ausdruck in den Vier Edlen Wahrheiten, für die Buddha eintritt. Obwohl Leiden und Trauma nicht identisch sind, können die Erkenntnisse Buddhas zur Natur des Leidens einen mächtigen Spiegel darstellen, wenn Sie die Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen in Ihrem Leben erforschen. Die Grundzüge der Lehre Buddhas bieten uns eine Anleitung zur Heilung von traumatischen Erfahrungen und zur Wiedererlangung eines Gefühls von Ganzheit in unserem Leben.

hWieder Ruhe zu erlangen ist aus verschiedenen Gründen wichtig. Erst dann kommen unsere spontanen Heilkräfte und körpereigenen Erholungsprozesse zum Einsatz. Hält die Erregung an, werden dringend benötigte Kraftreserven unnötig verbraucht. Schließlich kann ein Erschöpfungszustand eintreten, der nicht so sehr auf das traumatische Ereignis zurückgeht, sondern auf die Zeit danach. Der Motor läuft weiter auf Hochtouren, obwohl es kein Fahrziel mehr gibt. Daher sollten Sie alle Hilfsmittel in Anspruch nehmen, die möglicherweise dazu beitragen können, die Tourenzahl Ihres inneren Motors schrittweise herunter zu fahren..

Bei einem Trauma geht es kurz gesagt um den Verlust der Verbindung: zu uns selbst, zu unserem Körper, zu unseren Familien, zu anderen Menschen und zu der uns umgebenden Welt. Dieser Verlust der Verbindung ist oft schwer zu erkennen, weil er nicht mit einem Mal passiert. Er kann sich langsam einstellen, allmählich, und mitunter passen wir uns an diese subtilen Veränderungen an, ohne sie überhaupt zu bemerken. Das sind die versteckten Auswirkungen eines Traumas, die die meisten von uns in sich tragen. Möglicherweise spüren wir einfach nur, dass wir uns nicht so gut fühlen, ohne uns jemals ganz im Klaren darüber zu sein, was da eigentlich abläuft; dass nämlich unser Selbstwertgefühl, unser Selbstvertrauen, unser Wohlbefi nden und unsere Verbindung zum Leben nach und nach unterspült werden.

Es ist sehr wichtig zu begreifen, dass Nervosität, Angst oder nahezu jede Reaktion, die Sie möglicherweise haben, mit der Aktivierung der Energie zusammenhängt, die Sie während des ursprünglichen überwältigenden Vorfalls erlebt haben. Wenn Sie sich bedroht fühlen, erzeugt Ihr Körper instinktiv eine große Energiemenge, um Ihnen zu helfen, sich gegen die Bedrohung zu verteidigen. Mit dieser Energie arbeiten wir während der Trauma-Heilung, deshalb müssen wir uns ihrer bewusst sein. Ich werde im nächsten Kapitel im Detail darauf eingehen, wie die in einer Bedrohungssituation mobilisierte Energie, die nicht zur Verwendung kam, im Körper einfrieren und noch nach Jahren Probleme und Symptome verursachen kann.

An hilfreiche Gewohnheiten anknüpfen

Tun Sie alles, was Ihnen auch bisher schon geholfen hat, sich zu beruhigen und zu entspannen. Legen Sie sich ins Bett, versuchen Sie zu schlafen oder lesen Sie ein Buch. Besonders zu empfehlen: Spazierengehen in einer bekannten Umgebung. Treiben Sie Ihren gewohnten Sport, wenn Ihre körperliche Verfassung das zulässt. Wenn Sie die Wahl haben zwischen einem neuen Film im Fernsehen und einer Ihrer Video-Lieblingskasseten, schauen Sie sich die letzteren an. Da die traumatische Erfahrung uns mit zu viel neuer, unverarbeiteter „Information" konfrontiert, ist eine überschaubare Ablenkung vorzuziehen. Unternehmen Sie alles, was Sie ablenken kann. Vermeiden Sie jedoch nach Möglichkeit, sich dazu in Arbeitsvorgänge zu stürzen, die ihrerseits wieder Stress erzeugen.

Übung „an Erfolge denken" Bitte notieren Sie auf einem Blatt Papier die zehn größten Erfolge Ihres Lebens. Begründen Sie bei jedem Erfolg mit mindestens fünf Argumenten, weshalb es sich um einen Erfolg handelt.

Wenn Erinnerungen an Ihr belastendes Ereignis oder die belastenden Lebensumstände aufkommen, dann denken Sie gleichzeitig an Ihre früheren Erfolge. Führen Sie die Liste Ihrer Erfolge mit sich. Wenn Sie bemerken, dass Sie sich in Gedanken längere Zeit mit dem Ereignis beschäftigt haben, ziehen Sie Ihre Erfolgsliste heraus und lesen sie sich die Erfolge vor, möglichst laut, wenn es von den äußeren Umständen her möglich ist. Nach einiger Zeit benötigen Sie die Liste nicht mehr in schriftlicher Form. Dann gehen Sie Ihre Erfolge in Gedanken durch, besonders dann, wenn sich Gefühle der Unzulänglichkeit oder des Versagens bei Ihnen melden sollten.

Wirkungsweise der Übung: Viele Opfer von traumatischen Ereignissen erleben ihr Unglück wie ein persönliches Versagen, auch wenn dies objektiv gar nicht zutrifft. Dann breitet sich eine lähmende, deprimierende Stimmung aus, die eine wirklichkeitsnähere Sichtweise versperrt. Diese Stimmung können Sie unterbrechen, wenn Sie sich an frühere Erfolge erinnern. Natürlich bleibt die schreckliche Erfahrung, die Sie machen mussten, auch weiterhin deprimierend. Aber für viele Betroffene erscheint sie dann nicht mehr so allumfassend. Wenn Sie Ihre bisherigen Erfolge dagegen halten, weisen Sie dem jetzigen Unglück einen begrenzten Platz in Ihrem Leben zu.

Zu den ersten Symptomen, die sich meist unmittelbar nach einem überwältigenden Ereignis oder einer Retraumatisierung - Trigger - entwickeln, gehören Übererregung, Anspannung, Dissoziation und Verleugnung sowie Gefühle der Hilfl osigkeit, Bewegungsunfähigkeit oder Erstarrung. Lassen Sie uns der Reihe nach einen Blick auf jedes einzelne von ihnen werfen. Übererregung. Sie kann die Form von körperlichen Symptomen annehmen: eine Erhöhung der Herzschlagrate, Schwitzen, Atembeschwerden (schnell, fl ach, keuchend usw.), kalte Schweißausbrüche, Kribbeln und Muskelanspannung. Sie kann sich auch als mentaler Prozess in Form einer Zunahme von Zwangsgedanken, Gedankenrasen und Sorge manifestieren. Wenn wir uns erlauben, diese Gedanken und Empfi ndungen anzuerkennen, in anderen Worten, wenn wir ihnen ihren natürlichen Fluss zugestehen, werden sie einen Gipfel erreichen und dann allmählich weniger werden, bis sie sich schließlich ganz aufl ösen. Während dieses Prozesses werden wir möglicherweise Zittern, Schütteln, Vibration, Wellen von Wärme und Kälte empfinden, die eine Art Retraumatisierung darstellt.


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© by Elisabeth Menslage